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Das Geiseldrama von Gladbeck |
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Kritik an Polizei und Journalisten |
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Am Morgen des 16. August 1988 nahmen die vorbestraften Kriminellen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner im Anschluss an einen versuchten Banküberfall im nordrhein-westfälischen Gladbeck mehrfach Geiseln und flüchteten mit ihnen zwei Tage lang durch Deutschland und die Niederlande. Am Ende waren zwei Geiseln und ein Polizist tot. Es hagelte Kritik an der Rolle der Polizei und der Journalisten. Das Gladbecker Geiseldrama dürfte eines der der bestdokumentierten Verbrechen sein. Denn die Presse war in fast jeder Phase dichter dran als die Polizei. Der Vorwurf, dass die Journalisten die Arbeit der Verfolger sogar behindert haben, steht bis heute im Raum. Drei Menschen sind in jenen drei Tagen gestorben. |
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![Bus der BSAG in Bremen gekapert [Quelle: Radio Bremen]](/magazin/geschichte/gladbeck/_bild/gladbeck_140.jpg)
Gekaperter Bus mit Geiseln in Bremen |
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Geiselnehmer Rösner mit Pressevertretern. |
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Galerie: 20 Jahre Geiseldrama (16 Bilder) |
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Irrfahrt durch halb Deutschland
Im Anschluss an den versuchten Banküberfall in Gladbeck nehmen Rösner und Degowski den Kassierer und eine Kundenberaterin als Geiseln und setzen sich am Abend Richtung Norddeutschland ab. In Bremen kapern sie am nächsten Tag einen Linienbus mit rund 30 Fahrgästen.
"Dann sind wir in den Bus rein und dann habe ich gesagt: Stehen bleiben, sonst knallt es. Verhaltet euch ruhig, und dann war der Auflauf da: Polizei und neugierige Leute.“ Es ist der Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner selbst, der hier ein Interview gibt. Das passiert in diesen Tagen dauernd. Fotografen, Kameraleute, Hörfunkreporter bilden bisweilen ganze Menschentrauben um die Entführer.
Bei einem Stopp auf der Autobahnraststätte Grundbergsee östlich von Bremen eskaliert dann am zweiten Tag das Geschehen, als Polizisten eine Komplizin der Geiselnehmer, die Geliebte des Räubers Rösner, für ein paar Minuten festnehmen. Ein fataler Fehler: Degowski erschießt den 15-jährigen Jungen. Zuvor hatte er gedroht, dessen neunjährige Schwester umzubringen.
Danach geht die Irrfahrt weiter in die Niederlande, wo die meisten Busgeiseln im Tausch gegen ein Fluchtauto freigelassen werden. Nur zwei junge Frauen bleiben in der Gewalt der Gangster. Die Flüchtigen und ihre Opfer zeigen sich später mitten in der Kölner Fußgängerzone abermals den Reportern. Eine Geisel gibt Interviews - mit der Pistole am Kopf, voller Furcht: "Wie geht es Ihnen? - Ja, gut. Ich habe bloß Angst, dass die Polizei nicht auf sie eingeht. Was raten Sie der Polizei? Das zu machen, was die wollen, und nicht wieder dazwischenzufunken.“
Erst am Mittag kann die Polizei die Gangster auf der Autobahn bei Bad Honnef mit Waffengewalt stoppen. Bei der Schießerei stirbt eine Geisel, ihre Freundin überlebt schwer verletzt. Bei der Verfolgung kommt außerdem ein Polizist ums Leben. |
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Bremens Innensenator Bernd Meyer musste später zurücktreten. Der Bremer Polizeipräsident Eckard Mordhorst - er war seinerzeit Führer der Verhandlungsgruppe - gesteht heute zahlreiche Fehler ein: "Wir hatten technische Probleme mit den Funkverbindungen. Wir hatten Informationsprobleme, wir hatten Kommunikationsprobleme, es gab Versäumnisse im Bereich der Abläufe. Das ist alles geändert worden.“
Die Polizei habe aus Gladbeck gelernt, beteuert Mordhorst:
"Die Kommunikation im Polizeiführungsstab mit den einzelnen Führungsbeamten bis hin zu den Spezialverbänden, die Dokumentation, die auch nicht optimal gelaufen ist, all das haben wir sehr intensiv aufgearbeitet.“
Auch die Journalisten haben sich unter dem Eindruck von Gladbeck Zurückhaltung auferlegt: Interviews mit Geiselnehmern sind laut Pressekodex nicht mehr statthaft. |
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![Eckhard Mordhorst [Quelle: Radio Bremen]](/magazin/geschichte/gladbeck/_bild/mordhorst.jpg)
Bremer Polizeipräsident Eckhard Mordhorst |
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Aus einem Banküberfall wurde ein Roadmovie |
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Ein kommentierende Betrachtung von Radio-Bremen-Redakteur Gerald Sammet |
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Der Sommer war fast schon vorbei, das Sommerloch aber durchaus noch vorhanden. Möglichkeiten, es zu füllen, gab es wie immer nicht viele. Die Möglichkeit allerdings, die sich am 16. August 1988 bot, wurde umgehend genutzt. Geiselnahme in einer Bankfiliale in Gladbeck: Was, in aller Unaufgeregtheit, zunächst nicht mehr als eine Agenturmeldung war, entwickelte sich binnen kurzem zu einem Drama, das alles bot, was Journalisten süchtig zu machen vermag. Zwei Gangster, die, wie Zocker, ihre vermeintlich letzte Karte ausspielten. Konnte Verbrechen nur Sünde sein, wenn es sich so wie in diesem Fall inszenierte, als Roadmovie, und dazu romantische Bedürfnisse zu bedienen verstand. Hans-Jürgen Rösner, der Kopf der Bande: Eine Art Störtebeker von gestern mit einer Knarre von heute. Dass er die dann auch bediente, gehörte gewissermaßen zum Film. In der Wirklichkeit, dort, wo Menschen in Angst und Schrecken versetzt wurden, ein Bus gekapert wurde, Geiseln ihr Leben verloren, wollten sich die wenigsten der professionellen Beobachter von damals aufhalten. |
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Verpasste Chancen, voreiliges Handeln und unklare Zuständigkeiten
Die Polizei, nach den bis dahin geltenden Regeln die Hauptdarsteller bei der Aufklärung von Verbrechen, konnte deshalb nur ins Hintertreffen geraten. Sie hatte allerdings auch mit sich ihre liebe Mühe und Not. Kein Ort, an dem ein Zugriff gelang. Verpasste Chancen, unklare Zuständigkeiten, der Wirrwarr in der der föderalistisch organisierten Exekutive, dies alles sorgte dafür, dass eine Blamage sich an die andere reihte. Hätte man gleich nach Gladbeck, hätte man nach dem Grenzübertritt von Niedersachsen nach Bremen, wäre an der Raststätte Grundbergsee an der Autobahn nach Hamburg ... Polizeiarbeit, die einen Konjunktiv an den anderen reihte. Selbst ganz am Ende, auf der letzten Autobahn nahe Köln, verlor noch ein Mensch sein Leben. Ein unglücklicher Zufall, hieß es nach dem Tod der Geisel, sei das gewesen. Ein Unglück kommt eben selten allein.
![Reporter spricht mit bewaffnetem Geiselnehmer Rösner [Quelle: Radio Bremen]](/magazin/geschichte/gladbeck/_bild/gladbeck3_300.jpg)
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Tête à Tête mit den Ganoven
Die Geiselaffäre von Gladbeck, die eine der gesamten alten Bundesrepublik war, ist mittlerweile Geschichte. Eine Geschichte, die man sich merken sollte, weil seither klar ist: So wird, wenn sich professionelle Geschichtenschreiber ihrer annehmen, Geschichte geschrieben. Wobei professionell in dem Fall nichts anderes bedeutet als dass ein Journalist, wenn er Stoff fürs Füllen seines immerwährenden Sommerlochs braucht, sich zur Not mit jedem und allem gemein machen muss. Sogar mit einem Hans-Jürgen Rösner, einem Dieter Degowski, einer Marion L.. Gauner waren sie sicherlich keine, die Berichterstatter und Fotografen, die sich in dem Bremer Bus tummelten, ihre Wagen zwischen Verfolgerfahrzeuge manövrierten und sogar, wie der spätere Bild-Chefredakteur Udo Röbel, zu den Gangstern ins Auto stiegen, angeblich nur, weil die ihn nach dem Weg gefragt hatten. Wer da widersteht, so die Botschaft, sollte künftig nur noch Polizeiberichte umschreiben. |
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Das Nachsehen hatten die Opfer
Die Moral von der Geschichte: Nicht wenige sind damals nachdenklich geworden, haben eigenes Handeln reflektiert und Prinzipien formuliert, die schon selbstverständlich waren, als die Sache passierte. Prinzipien, bei denen man fragen darf, was sie gelten, sollte es zu einem ähnlichen Vorfall kommen. Wenig, darf man vermuten. Es werden andere Akteure sein, und sie werden, wenn alles vorbei ist, vielleicht auf die selbe Weise wie ihre Vorläufer ins Grübeln geraten. Die Polizei ist heute gewitzter, was den Umgang mit Journalisten angeht. Aber was heißt schon gewitzt, in einem solchen Zusammenhang. Man kennt sich zu gut, man ist Teil einer gemeinsamen Geschichte, man steht auf der Bühne. Das Nachsehen im Geiseldrama von Gladbeck hatten die Opfer. Das ist zwar bei den meisten Kriminalfällen so, aber wenigstens wurde und wird es in diesem Fall als skandalös angesehen, mit freilich kaum benennbaren Folgen. |
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Mehr zu dem Gladbecker Geiseldrama beim WDR |
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Chronologie der Ereignisse und Interviews. |
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