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Martin Walser: "Ein liebender Mann"
        Roman
 
        Martin Walser hat einen neuen Roman vorgelegt "Ein liebender Mann". Es ist das Buch eines fast 81-jährigen Autors über den Dichterkollegen Goethe, der sich im Alter von 74 noch einmal unsterblich verliebt hatte: in die 19-jährige Ulrike von Levetzow. Walser hat ein bedeutendes Buch über den niemals versiegenden Strom der Liebesleidenschaft geschrieben.
         
 
Was Liebe aus einem Menschen macht
Es ist alles Goethe, weil alles Liebe ist. Ich hatte gemerkt, das ist die Gelegenheit zu erzählen, was Liebe aus einem Menschen macht. Und das können, hoffe ich, alle Menschen - sage ich optimistisch - begreifen, die je Liebe empfunden haben. Daraus besteht der ganze Roman.

Es ist ein Roman über den 74-jährigen verliebten Goethe, und es ist das "Tagebuch innerer Zustände" des fast 81-jährigen Martin Walser. Es ist ein Buch über nie endende Liebesverlangen, eine epische Elegie über die unstillbare Sehnsucht jedes Ichs, in einem Du ganz und gar aufgehoben und geborgen zu sein.

Was dem alten Goethe in seiner Liebe zu der 54 Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow nicht vergönnt war, Martin Walser erschreibt es ihm und sich selber in einem seiner schönsten Bücher: "Schreiben bezieht sich doch immer auf das, was einem am meisten fehlt."
         
 
"Keine Liebe war es nicht"
Man weiß kaum etwas über die damals 19-jährige Ulrike, die als unverheiratete Stiftsdame uralt werden sollte. "Keine Liebe war es nicht", soll sie als Greisin über ihr Verhältnis zu Goethe gesagt haben. Zu der Zeit hatte man ihr in der Literaturwissenschaft längst den Ruf der Altjüngferlichkeit angehängt, was dem Erotomanen Walser lächerlich vorkommt: "Einer fahlen Jungfrau kann dieser Goethe nicht verfallen sein."

Wie es anders gewesen sein muss, das beschreibt der Roman: "Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin, ich weiß es auch nicht." Er merkte, wie er sich in den gewünschten Ton hineingeschrieben hatte. Und wie er den Ton der so jauchzenden wie todbetrübten Liebesleidenschaft gefunden hat.

Ein Spiel mit den Augen und den Augenblicken, ein neckisches Mit-und Gegeneinander, ein Sich-Zeigen und Sich-Verstecken in und jenseits der Marienbader und Karlsbader Gesellschaft, Gespräche, Spaziergänge, Soupés, ein einziger gehauchter Kuss - nicht mehr, aber auch selten weniger. Der Greis und das schöne Kind - ein betuschelter Skandal damals und wohl auch noch heute.
         
 
Virtuose Sprache
Federnder Walser-Sound und historischer Empfindsamkeitston aus dem frühen 19. Jahrhundert – sie treffen immer wieder wunderbar zusammen: "Sie reichte ihm ihre Hand zum Handkuss, und er zurück im Umgangston: ganz unvorgreiflich möchte ich jetzt sagen, dass ich meine Zeit nur noch mit Ihnen verbringen möchte".

Wie sehr der Weimarische Minister und Großdichter darunter leiden wird, dass ihm die jugendliche Schöne am Ende doch die Zuneigung vorenthält, malt Walser - immer auch im Blick aufs eigene Autor-Ich - in virtuoser Sprache aus.
         
 
Liebesbriefe von Goethe aus Walsers Hand
Die "Marienbader Elegien", 1823 noch auf der Kutschfahrt zurück nach Weimar verfasst, werden diese Herzenspein zum subtilen poetischen Schmerzensgesang entfalten. Die "lieblichste aller lieblichen Gestalten" ist dem Dichter abhanden gekommen, der nun einbekennt: "Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren".

Immerhin, in Martin Walsers Roman durfte Goethe der Liebe wahrhaft innewerden: "Sie ist das Vorhandene überhaupt", sagt er hier, "das Ausfüllendste, die größte Sicherheit".

Nicht viele Dokumente des Goetheschen Liebesverlangens gibt es, weswegen der Autor Walser hier nachhelfen musste: "Ich habe ihn ja 30, 40 Seiten Liebesbriefe schreiben lassen, weil die nicht da waren. Und die Legitimation habe ich dadurch nachträglich bekommen, die musste ich schreiben. Und da kann jetzt keiner mehr sagen, ich hätte nicht die Wirklichkeit zu Wort kommen lassen."

[Autor: Harro Zimmermann]
         
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Buchcover: Ein liebender Mann
Martin Walser: "Ein liebender Mann"
Rowohlt 2008
€ 19,90

 
 
   
  © Radio Bremengeändert am 05.03.2008
   
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