 | Gerhard Köpf: "Käuze in Pfeffer und Salz" |
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Der 1948 im Allgäu geborene Schriftsteller Gerhard Köpf hat einen neuen Roman vorgelegt unter dem Titel "Käuze in Pfeffer und Salz". Was auf den ersten Blick wie eine moderne Gelehrtensatire aussieht, entpuppt sich beim genauen Lesen als ein ambitionierter literarischer Zeitspiegel. Es glitzert und funkelt hochkomisch in diesem Buch. |
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Aussterben ist vornehm Ein handverlesenes Häuflein betagter Gentlemen, Buben und Könige, einst Prinzen von Arkadien, distinguiert in Rang und Erscheinung, entfernt gekitzelt von einem vagen republikanischen Herrengefühl, kreuzfidel und verschworene Partisanen wider das sozial verträgliche Frühableben, das uns zu Wegwerfrentnern machen will. Bald werden wir aussterben, aber aussterben ist vornehm, sagt Keyserling. Vielleicht sind wir schon tot, denn wir leben nach der Devise - the best is yet to come. Steht übrigens auf dem Grabstein von Frank Sinatra. |
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Meister des ironischen Erzählens Gerhard Köpf ist ein Meister des ironischen Erzählens, mit allen Wassern der literarischen Tradition ist er gewaschen, und kennt sich aus im Theorie-Wurzelwerk der einschlägigen Wissenschaften. Seit je glitzert und funkelt es hochkomisch in seinen Büchern. Ob er sich heiter melancholisch in den satirischen Erzählort "Thulsern" einspinnt, sich in Sprach- und Wortexperimenten zu verlieren droht, oder sich novellistisch der so grotesken wie traurigen Sterbenskrankheit eines einsamen Professors annimmt. Allerdings, die Ironie des Gerhard Köpf ist - bei aller Brillanz - milder geworden, ihre Gewagtheiten haben abgenommen, ihre Witzausschläge pendeln sich ein auf dem Niveau eines - vielleicht - beginnenden Alterswerks. |
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Kauzige Protagonisten Schon vor knapp zwei Jahren hat er uns in der Novelle "Ein alter Herr" vertraut gemacht mit dem Phantasiegelände seiner allerjüngsten Erzählgelüste. Es ist die etwas dämmerige und skurrile Welt emeritierter Wissenschaftler, alt gewordener Professoren, die in ihrer Zeitverlorenheit die merkwürdigsten Geistesblüten hervor bringen. In dem neuen Roman "Käuze in Pfeffer und Salz" geht es gleich um eine ganze "Societät" von Emeriti, sechs an der Zahl, die sich regelmäßig einmal pro Woche zu so genannten "Abendandachten" treffen, auf denen sie nicht nur jeweils einem ausgesuchten Whisky zusprechen, sondern ihren Feinsinn und ihre Auserlesenheit zelebrieren. Ihre Losung: "Noblesse, Stil, Eleganz". Was ist das für ein außergewöhnliches Sextett, das zumeist aber als Quintett zusammentrifft, weil der Kollege Abel M. von der Tränk nur als korrespondierendes Mitglied per Brief gegenwärtig zu sein pflegt. Schon die liturgischen Ritualien dieser Abendandachten geben zu erkennen, wes Geistes die hier versammelten sind. Jeder von ihnen muss mindesten 65 Jahre oder älter sein und den Titel "Professor emeritus" führen, Frauen sind nicht zugelassen, jedes Mitglied darf nur in Tweed oder Cord gewandet sein, die Treffen im Separé eines Grandhotels finden unter strengstem Ausschluss der Öffentlichkeit statt, und an die Stelle des Messweins hat Whisky zu treten, die "Milch der Greise". Wie englische Landlords, wie reiche Kolonialbesitzer drapieren sich diese sechs Auserwählten, sie betonen die Etikette genau so wie ihren exquisiten Bildungsstatus, ja sie befinden sich in einer permanenten Distinktionsanstrengung gegenüber der Verkommenheit und Verblödung der Massengesellschaft um sie herum. Aber was treibt diese Abkömmlinge aus einer verflossenen Zeit eigentlich im positiven Sinne um? Sind sie nicht fadenscheinige Geisterreiter, die in ihrem Besonderheitsgefühl eine überalterte Epoche verschleppen? Köpf fabelt dies alles aus in wunderbaren Suaden, Anekdoten, Debatten und Briefen seiner wahrhaft kauzigen Protagonisten. |
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Raffiniertes Entlarvungsspiel Besser als alle anderen wissen wir, was wir in den Augen des gehobenen Seifenoperfeuilletons sind, verknöcherte alte Säcke, für die es nur eine Endlösung gib:, Marsch Marsch zurück in die Urne. Wir wollen nicht länger von dieser Gegenwart belästigt werden. Auf den ersten trügerischen Blick sind wir noch immer Mitglieder einer Gesellschaft der Sieger, der Starken und der Schönen. Als wir noch ex cathedra lehrten und schier unter den Masken erstickten, die uns die deutsche Universität aufzwang, als wir unsere Antithesen wie das Pendel eines Geistheilers bedienten, da hatten wir genügend Mut zur Lücke, jetzt bekennen wir uns zum Mut zur Endlichkeit, und wir würden nicht weiter auffallen, wenigstens nicht auf Münchens Prachtboulevards, trügen wir nicht alle wie verabredet ein Monokel, durch das wir den Rest der Welt mustern wie die Stilikone des New Yorker. Das Einäugige steht uns zu, und es steht uns gut. Mit dem anderen Auge wird geblinzelt. Der Bürger hat ja gar kein Auge mehr, wir dagegen haben unseren Weltschliff.
Auf den ersten Blick mag einem das ganze vorkommen wie die Beschwörung eines obsoleten Akademikerklüngels, doch schon der zweite Blick belehrt darüber, dass hier eine geradezu schamanische Ironie am Werk ist. Eine, die das Altvordere und Überständige an ihren Helden so sehr auf die stilistische Spitze treibt, dass ein ungewöhnliches Gegenlicht auf die Realität fällt. Ein raffiniertes Entlarvungsspiel treibt Gerhard Köpfs Roman mit all jenen, die sich von bloßer Gegenwärtigkeit blenden lassen, oder womöglich mit der Gesinnungskonfektion des Jugendwahns durch die Welt laufen.
[Autor: Harro Zimmermann] |
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Gerhard Köpf: "Käuze in Pfeffer und Salz"
Klöpfer und Meyer, 2008
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