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Michael Burleigh: "Irdische Mächte, Göttliches Heil"
        Die Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart.
 
        Der britische Historiker Michael Burleigh hat ein neues Buch unter dem Titel "Irdische Mächte, göttliches Heil" vorgelegt. Es handelt sich um eine materialreiche Bestandsaufnahme der Auseinandersetzung zwischen Religion und Politik in den vergangenen drei Jahrhunderten. Im Zeichen der heute wieder erstarkenden politischen Religionen verspricht dieses Buch Aufklärung über ein spannendes aktuelles Thema.
         
 
Auswirkungen des Revolutionsgeistes
Die vermeintlich so säkularisierten Aufklärer haben im Europa des 18. Jahrhunderts hellhörig wahrgenommen, was im revolutionären Frankreich aus der (katholischen) Kirche wurde, welche Gewaltsamkeiten und Schmähungen auch der diktatorisch agierende Kaiser den Gläubigen seines Landes zufügte. Am Beginn der revolutionären Ereignisse war es Edmund Burke, der zu erkennen glaubte: "Die literarische Kabale hat einen regelrechten Schlachtplan zur Vernichtung der Religion entworfen."
War nicht der Revolutionsgeist selber zu einer pervertierten Form von Religion geworden?
         
 
Politisches Ordnungs- und Orientierungsdilemma
In der Tat ist damals viel Elend verursacht worden durch die Enteignung und Auflösung der Kirchen, Orden und Klöster, durch die Trennung von Staat und zivil verfasstem Klerus. Dass die "Entchristianisierung" Frankreichs noch von einer fanatisierten Bürgerreligion à la Rousseau, inszeniert in "Tempeln der Vernunft" und aggressiven kultischen Massenspektakeln, überformt wurde, ließ diesen moralischen Imperialismus in Europa zu einem politischen Ordnungs- und Orientierungsdilemma ersten Ranges werden. Eine politische Religion ohne Gott und ohne jede Liebes- und Erlösungsmythik, die ihren "Kult des Höchsten Wesens" in einen mörderischen Tugendterror ausufern lässt - das ist damals für die gesamte europäische Intellektualität zur einschneidenden Erfahrung geworden, und zwar nicht nur für ihre konservative Fraktion.
         
 
Früher Sündenfall aller späteren bluttriefenden Totalitarismen
Michael Burleigh beleuchtet diese Urszenerie der in Europa damals mit Macht hervorbrechenden Säkularisation eindrucksvoll. In der politischen und ideologischen Aufladung von Christentum und Religiosität seit 1789 sieht er den frühen Sündenfall aller späteren bluttriefenden Totalitarismen. Wenn im messerscharfen Tugendkult eines Robespierre schon der Kollektiv- und Züchtungswahn der Lenin, Stalin oder Hitler vorgezeichnet ist, wird das gesamte geschichtliche Kontinuum dazwischen zu einer gigantischen Beweismittelerhebung.
Erregender Zielpunkt der Darstellung ist dann freilich der 11. September 2001 und seine Folgen für die westliche demokratische Kultur. Wie eine "Cover-Version" allseits bekannter Ideologiebildungen zwischen Politik und Religion erscheinen nun die Kampfformeln des Islamismus, der es mittlerweile vermocht hat, dem Okzident eine Identitätskrise aufzuzwingen.
         
 
1300 Seiten überbordende historische Warnexpertise
Burleigh sieht das finstere Drohbild von "Eurasia" auf unseren Kontinent zukommen, und wettert massiv gegen die "höhnischen Säkularisten" des Westens: "Viele europäische Liberale betrachten religiöse Menschen wie Wesen vom Mars, es sei denn, diese engagieren sich innerhalb akzeptierter liberaler Parameter in Kampagnen wie der Anti-Atomwaffenbewegung, dem Kampf gegen die Apartheid und der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Dabei sind der Fluch moderner Politik eben nicht nur fundamentalistische Lobbys, sondern auch professionelle Gruppen, die sich für die Rechte von Tieren, Homosexuellen oder des Planeten einsetzen, für zweifelhafte Segnungen also, wie man sagen müsste, käme das nicht politischem Selbstmord gleich.

Westeuropa ist religiös entkräftet, von der existenziellen Langeweile seiner Eliten ausgehöhlt, und nur noch auf die Lächerlichkeit von Zivilreligionen verwiesen, die aber keineswegs mehr den einigenden Kraftimpuls des Nachkriegs-Wohlfahrtstaates aufbringen könnten. Derweil sammeln sich ringsum auf der Welt die vitalsten, durchaus politisch gestimmten Religionen. Mit Harnisch und Optimismus zugleich beschließt Burleigh, der heftige Apologet christlicher Gläubigkeit, sein monumentales Werk. Denn nach fast 1300 Seiten überbordender historischer Warnexpertise glaubt er seinen Lesern vor Augen geführt zu haben, was in und um Europa künftig auf dem Spiel steht.

[Autor: Harro Zimmermann]
       
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Buchcover: Michael Burleigh: "Irdische Mächte"
Michael Burleigh: "Irdische Mächte, Göttliches Heil"
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), April 2008, 1280 Seiten
€ 69,95

 
 
   
  © Radio Bremengeändert am 21.07.2008
   
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