| |
 |
Josef Winkler |
 |
|
 |
 |
 |
 |
Georg-Büchner-Preisträger 2008 |
 |
|
|
| |
|
|
|
|
|
|
| |
|
|
Er kommt aus der Einöde und Sprachlosigkeit des Kärntner Oberlandes, der 1953 geborene österreichische Schriftsteller Josef Winkler. Die Abgeschiedenheit des katholischen Bauernmilieus, in der sich nicht Welt und Wirklichkeit ereignen, sondern die Tabus, eine dumpfe Frömmigkeit, freudlose, verklemmte Ehe- und Kindheitsbeziehungen ihr Wesen treiben. Irgendwann sei ihm die Sprache wie ein Geschwür aufgegangen, hat Josef Winkler einmal gesagt, seither, also seit 1982, schreibt er vor allem Romane, Novellen und Erzählungen. |
|
![Josef Winkler [Quelle: DPA]](_bild/winkler_dpa.jpg)
Josef Winkler: "Ich habe mit meiner Mutter mehrere Jahrzehnte verbracht, und man hat eigentlich nur das Allernotwendigste, das Allerwichtigste geredet. Und wenn ich sie irgendetwas gefragt habe, hat sie mit den Schultern gezuckt. Also da ist so eine Sehnsucht nach Sprache entstanden…" |
|
| |
|
|
|
|
| |
 |
 |
Über Dinge sprechen, über die man nicht spricht
Es sind, wie die Jury des Büchner-Preises hervorhebt, Katastrophen der Kindheit, die in diesen Büchern zu sprachmächtigen und quälerischen literarischen Zeugnissen verfertigt werden. Hassliebe, Blasphemie, Frömmigkeit, Todessehnsucht und Todesangst - alles schießt in der Winklerschen Prosa zusammen zu Erzählszenerien einer furchtbaren Welt der Unterdrückung und Geistesarmut, der Gefühlsstarre und Tabuisierung:
"Der Pfarrer dieses Dorfes sagte, dass es Dinge gibt, über die man nicht sprechen sollte. Und ich stelle mir vor, nur mehr über Dinge zu sprechen, über die man nicht spricht. Nur diese Dinge interessieren mich und nichts anderes mehr". |
|
|
| |
|
|
|
|
|
| |
 |
 |
Dem Entsetzen entgehen, indem man sich dem Entsetzen überlässt
Der literarische Leidensbeschwörer Josef Winkler ist diesem Vorhaben treu geblieben, schon mit seiner Romantrilogie "Menschenkind" von 1979, "Der Ackermann aus Kärnten" von 1980 und mit "Muttersprache" von 1982. Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, hat er damals bei Jean Genet gelesen, besteht darin, sich dem Entsetzen ganz zu überlassen. Wild wuchern die Wörter in meinem Kopf, notiert Winkler über seine Art zu schreiben, mit fiebernder, oft rhetorisch aufschwellender Sprache beschwört er eine katholische Welt der Kruzifixe und Oblaten, der Beichtspiegel und Leidensandachten, ein Klima der muffigen Gebetbücher und eines pompösen Totenkults. Was oft wie eine Palette blutrünstiger Kuriositäten daherkommt, oder wie ein beängstigendes literarisches Passionsszenario, ist bei Winkler die Frucht akribischer Spracharbeit:
"Es entstehen ein paar Satzbrocken, ein paar Teile, die montiere ich irgendwann zusammen, und irgendwann, wenn es mehrere sind und mehrere Farben auch schon auftauchen, dann ist es ja oft so, dass diese Satzfarben selber schon sich suchen. Und ich bin wie so ein Seismograph, diese Gelegenheit nutze ich dann aus und versuche, etwas zu entwickeln. Und letzten Endes ist das für mich ein Formprinzip, und das muss ein sehr strenges und klares sein, das gehört zum Wichtigsten". |
|
 |
|
| |
|
|
|
|
|
| |
 |
 |
Winklersche Leidensliteratur lebt von der Sprache
Von der Sprache vor allem lebt die Winklersche Leidensliteratur, in ihr möchten seine Erzählerfiguren nicht nur das Martyrium unter furchtbaren Vaterautoritäten, die familiäre Trostlosigkeit und oft brutale Unterdrückung abarbeiten, sondern eine symbolische Welt der menschlichen Erlösung sinnfällig machen. Das muss sich nicht unbedingt in der Kärntner Einöde abspielen, es kann auch in der indischen Totenmythik und Begräbniskultur seinen Ausdruck finden, auf einem verlassenen Armenfriedhof in Rom, oder etwa im fernen Tokio. In seinem letzen Buch, der Novelle "Roppongi", kehrt Winkler in seine Jugendzeit zurück. Der Vater ist im Alter von 99 Jahren gestorben, und der in Japan weilende Sohn hebt zu einem Requiem an, das noch einmal jene alte Welt der Unterwerfung, der Gewalt, Dumpfheit und Gefühlsstarre heraufbeschwört, die nur in der Literatur mit dem nötigen Gegenzauber ausgetrieben werden kann:
"Es muss ein Versehen gewesen sein, dass Du ausgerechnet dann gestorben bist, als ich in Tokio war. Red’ oder scheiß’ Buchstaben hat Euer Gnaden, der Leichenbestatter, noch gesagt, an einer Zigarette paffend, und dann hat er die beiden Sargteile zusammengeschraubt, Zigarettenasche ist dabei auf Deinen Sargdeckel gefallen".
Josef Winkler gilt mittlerweile neben Thomas Bernhard und Peter Handke als einer der bedeutendsten Schriftsteller des Landes. |
|
|
|
| |
|
|
|
|
|
|
| |
|
|
|
|
|
| |
|
 |
|
|
|
|
| |
|
Druckversion |
|
|
|
|