Das war es also, das Musikfest 2008. Zum abschließenden Konzert gaben sich gestern Abend die Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski in der Bremer Glocke die Ehre.
Mitgebracht hatten sie unter anderem den herausragenden Solo-Bratschisten Antoine Tamestit, der bei Berlioz’ „Harold en Italie“ eine starke Ergänzung zum Orchester war. Denn dieses schwächelte anfangs noch in Intonation und Zusammenspiel, fing sich aber im Laufe der Zeit. Tamestit hingegen gelang es, seinem Instrument wunderbare Töne – von schüchtern bis forsch, von verträumt bis wütend – zu entlocken. Großartig. [mehr]
Das Klischee vom „krönenden Abschluss“ durfte man gestern Abend in der Glocke nach einem eindrucksvollen Konzert gern strapazieren. Les Musiciens du Louvre aus Grenoble stellten wieder einmal ihre außerordentlichen Qualitäten unter Beweis – das ist einfach ein Orchester, bei dem alle Mitglieder aufeinander zu hören scheinen, bei dem bis ins feinste Detail gearbeitet wurde, und dem nicht zuletzt seine Aufgaben auch so richtig Spaß zu machen scheinen. Trotz aller Konzentration: man blickt in viele frohe Gesichter, und genau das überträgt sich schnell auf das Publikum. Klar, dass ein Vollblutdirigent wie Marc Minkowski den Löwenanteil der Verantwortung hierfür trägt – der Mann lebt förmlich für sein Orchester, hat für alle einen Blick und eine freundliche Aufmunterung. Allein diese Beobachtungen haben Spaß gemacht!
Und dann der Auftakt mit Hector Berlioz! „Harold en Italie“, inspiriert durch Lord Byrons Schilderungen der fiktiven Pilgerreise von „Childe Harold“. Nach leichten Unsicherheiten zu Beginn steigerte sich das Orchester in einen Farbenrausch, und zum Glück vermied Minkowski die bei diesem Werk ständig gegenwärtige Gefahr der Übertreibung, was die überbordende Darstellung unterschiedlichster Stimmungen angeht. Tragende Säule des Ganzen war dann auch noch die Solobratsche, wunderbar gespielt von Antoine Tamestit, der seinem Instrument eine wahre Palette an schillerndsten Farben entlockte – mit traumwandlerischer Sicherheit und nie auch nur ansatzweise verkrampft. Ein Vollblutmusiker! [mehr]
Zu Beginn: Bartoks rumänische Volkstänze, die nicht hätten authentischer vorgetragen werden können. Patricia Kopatchinskaja zeigte hier brillant, wie sie ihrer Geige einerseits durch energische Bogenstriche die fettesten Töne abverlangt, andererseits meisterhaft klar und durchdringend Flageolettöne zum Klingen bringt. Mehr als auffällig ist Patricias energiegeladenes, impulsives und nur so vor Ausdruck strotzendes Geigenspiel, wozu ihre Eltern einen starken Gegenpol bildeten, weil sie sehr viel Ruhe und Gelassenheit ausstrahlten. Patricia Kopatchinskaja führte mit ein paar interessanten Moderationen durchs Pogramm, denn neben Informationen über die vorgetragene Musik konnte man auch etwas über das Heimatland der Kopatchinskys, Moldawien, erfahren. Emilia und Viktor Kopatchinksy widmeten sich auch der Folklore, was nicht nur fürs Ohr Neues bot, sondern auch für die Augen, denn man bekommt nicht jeden Tag einen so rasanten Cymbalspieler wie Viktor Kopatchinsky zu sehen. Weniger angenehm fürs Ohr war die Akustik im Lichthof des Überseemuseums, die viel zu Wünschen übrig lies.
Selten habe ich Ravels Tzigane so leidenschaftlich und mitreißend gehört, wie sie Patricia Kopatchinskaja vorgetragen hat. Sicher hat nicht nur die Tzigane beeindruckt, sondern das ganze abwechslungsreiche Programm, denn das Publikum erklatschte sich gleich mehrere Zugaben.
[Autorin: Charlotte Reuter]
Das war also quasi das „Heimspiel“ des Musikfests: Die Bremer Philharmoniker, allerdings mit einem Gastdirigenten aus den Niederlanden und einer Solistin, die zur jungen Pianistengeneration Chinas gehört und im Programmheft in einem Atemzug mit Lang Lang und Yundi Li genannt wird. Zwei „Fünfer“ warteten auf das Publikum: Beethovens auch als „Emperor“ also: Kaiser – bezeichnetes Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur und die Sinfonie Nr.5 in B-Dur des russischen Komponisten Serge Prokofieff. Gleich zu Beginn des Beethoven-Konzerts wurde deutlich, dass Oto Tausk, der musikalische Leiter dieses Abends, „seinen“ Beethoven gründlich entromantisieren wollte. Straffe Tempi und ein entschlossener, mitunter fast harter Klang ließen kaum eine andere Interpretation seiner Absichten zu. Das Orchester war dabei durchaus bereit, ihm zu folgen, allerdings gab es mitunter schon leichte Probleme in der Feinabstimmung – vor allem, wenn die Solistin ins Spiel kam. Sa Chen, noch nicht ganz 30 Jahre alt, begann ebenso zupackend-entschlossen, wobei mir manche ihrer Läufe allerdings auch etwas zu “glatt“ gerieten. Überhaupt: an ihrer Technik war kaum etwas auszusetzen – sie spielte insgesamt mit großer Sicherheit, jedoch fehlten mir am Ende doch die Unter- und Zwischentöne, die den Zuhörer ein bisschen mehr nach vorn an die Stuhlkante rücken lassen. Zudem gab es die erwähnten Schwächen in der Synchronisation mit dem Orchester – mitunter war Sa Chen ihrer Zeit etwas voraus – bzw. das Orchester kam zu spät. Insgesamt war es ein grundsolider Beethoven, der allerdings „herrschaftlich“ eher im Sinne des Zupackens war, ohne dabei eine besondere Majestät auszustrahlen. Sa Chen bedankte sich für den herzliche, wenn auch nicht frenetischen Applaus mit einer Zugabe aus ihrer chinesischen Heimat, die uns in zarten Farben das Mondlicht über einem See erstrahlen ließ.
Serge Prokofieffs 5. Sinfonie entstand in einer dunklen Zeit: Der 2. Weltkrieg lag in seinen letzten Zügen, als die Sinfonie am 13. Januar 1945 in Moskau uraufgeführt wurde – als „Lied auf den freien und glücklichen Menschen“, wie es der Komponist selbst ausdrückte. Freud und Leid liegen hier dicht beieinander – eine spürbare „Idylle“ wird immer wieder von düsteren Untertönen durchbrochen. Die Bremer Philharmoniker waren mit großem Eifer bei der Sache – folgten ihrem Dirigenten präzise und begeisterungsfähig. Mitunter gelangen hier auch sehr viel besser spürbare Untertöne, doch der Gesamteindruck des Dirigates von Otto Tausk verfestigte sich: er ist energisch und klar, aber ein wenig mehr Mut zu Nuancen hätte ich mir doch gewünscht. Das Orchester erhielt von „seinem“ Publikum am Ende den verdienten Applaus und bedankte sich mit dem Valse triste von Jean Sibelius – ein schöner und ruhiger Abschluss dieses Konzerts. [mehr]
Zwei Mal Nummer fünf: Erstens Beethoven, aber nicht Ta ta ta taaah. Fast ebenso bekannt, wenn auch nicht in gleicher Form so hübsch anzudeuten, ist das fünfte Klavierkonzert. Die Bremer Philharmoniker begleiteten in der Glocke die chinesische Pianistin Sa Chen, die sich am Flügel entschlossen und souverän präsentierte. Im ganzen gestaltete sie ihren Part sehr überzeugend, über einzelne Passagen ließe sich freilich streiten. Klangliche Farbwechsel waren oft etwas plötzlich, dafür aber überaus deutlich: Bei überwiegend kraftvollem Vortrag fand sie immer wieder auch zu hauchzartem Anschlag. Weniger gelungen waren zahlreiche knirschende Übergänge zwischen Klavier und Orchester. Ob hier der holländische Dirigent Otto Tausk seine Aufgaben nachlässig anging kann indes nur gemutmaßt werden, da er hinter dem geöffneten Flügel unsichtbar blieb.
Sichtbar wurde er hingegen in der zweiten Fünften des Abends, nämlich der Symphonie B-Dur op. 100 von Sergej Prokofjew. Die Partitur dieser genialen Schöpfung ist für das Orchester deutlich anspruchsvoller als die Beethovens, und selbst wenn die Koordination mit dem Soloklavier wegfällt, dürfte sie auch dem Dirigenten einiges an Aufmerksamkeit abverlangen. Der agierte äußerst lebhaft, wie viel Nutzen seine Musiker dabei allerdings von immer wieder hinter Kopf und Rücken abtauchenden Händen und Taktstöcken hatten, mag dahingestellt bleiben. Eigenartiger Weise wirkte im Gegensatz dazu das Orchester nur im zweiten Satz, dem Scherzo, temperamentvoll genug für ein Werk, das für seine Wirkung auf Lebhaftigkeit angewiesen ist. Lautstärke gab es reichlich, und besonders die Streicher spielten sehr engagiert und knackig, aber insgesamt hätte man sich mehr Leichtigkeit und Transparenz wünschen können. Instrumente wie Orchesterklavier oder Harfe waren bis auf wenige Ausnahmen unhörbar, die auf der höchsten Podeststufe positionierten Posaunen kamen im Publikum hingegen sehr direkt an.
Vielleicht hätte eine präzisere Zeichengebung auch einige (wenige) leicht chaotische Stellen retten können. Das Tempo blieb verhältnismäßig stabil und keinesfalls gehetzt, auch hier wäre noch ein Ansatzpunkt für differenziertere Gestaltung gewesen. Die Zugabe hingegen, Jean Sibelius’ „Valse Triste“, kannte fast gar kein einheitliches Grundtempo – hier schoss Otto Tausk wohl leicht über das Ziel hinaus. All diese Detailkritik darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Orchesterleistung der Bremer Philharmoniker insgesamt sehr beachtlich war.
Am letzten Freitag war es soweit, die erste Klassik-Lounge von Radio Bremen fand im Restaurant Café Weserhaus statt.
Aber Klassik-Lounge, was ist das eigentlich? Die Idee stammt aus der Musikredaktion von Radio Bremen, die diese Idee aus der deutschen Hauptstadt (Namen werden hier nicht genannt) importiert hat. Die Klassik-Lounge bietet einen lockeren Rahmen für klassische Musik, wobei die Musik von einem Klassik-DJ aufgelegt wird. Lockerer Rahmen bedeutet in diesem Sinne, dass keiner gezwungen wird, sich in einen Konzertsaal zu begeben, um sich dort ungefähr zwei Stunden ruhig zu verhalten. Während der Musik wird auch geplaudert und getrunken, auch lässiges Rumstehen ist erlaubt, wobei einige Besucher sich am Freitag durch diesen Umstand gezwungen gefühlt haben, sich auf den Boden zu setzen. Eher unüblich für eine Klassik-Lounge ist eine Art Konzert, was durch die Pianistin Simone Dinnerstein und das Absolute Ensemble mit Kristjan Järvi geleistet wurde. Simone Dinnerstein präsentierte sowohl Bach, als auch Lasser brillant, wobei die Nebengeräuschkulisse im Weserhaus während ihres Spiels geringer hätte sein können. Etwas später folgte dann das einmalige Absolute Ensemble, was sich mit seiner Ungezwungenheit und natürlichen Spielfreude der Musiker perfekt in den lockeren Rahmen der Klassik-Lounge einfügte.
In meinen Augen war die Klassik-Lounge einzigartig und hat ihren Zweck, klassische Musik in einem lockeren Rahmen darzubieten, mit Bravour erfüllt.
Kristjan Järvi ist elektrisiert von seiner Musik, von seinem Ensemble. Ich frage mich, was er eigentlich genau ist, denn er erfüllt mehr, als seine Rolle als Dirigent. Ist er nicht eigentlich Tänzer, Choreograph oder Schauspieler? So wie er vor seinen Musikern steht und tanzt, sich zur Musik bewegt, sie anfeuert, es ist alles, nicht nur ein energisches Dirigat. Genial waren die umgeformten Bach Inventionen, an denen meistens auch Solistin Simone Dinnerstein beteiligt war. Das Thema der jeweiligen Invention wurde von Instrument zu Instrument gereicht und jeder verlieh ihm dabei seine ganz persönliche Note. Manchmal schien es fast ganz zu verschwinden und es überrollte einen das Ensemble mit einem unglaublichen Klangteppich, aber dann tauchte es wieder irgendwo auf, da war es wieder. Die Musik wurde nicht nur von Hand gemacht, sie kam auch vom Laptop, der das Publikum nicht nur mit seiner Anwesenheit erstaunte, sondern auch zum Lachen brachte, als ein gesprochener Einwurf mit ganz offensichtlich ostdeutschem Dialekt ertönte. Musik kann auch lustig sein. Unvergesslich ist für mich der eigentliche Pianist des Ensembles, der auch Keyboard spielte, genial war nicht nur der Streit, den er sich im vierten Stück des Abends mit der am Flügel sitzenden Simone Dinnerstein erlaubte, sondern einfach alles an seinem Musizieren. Kein Wunder, dass er sich vor lauter Euphorie von seinem Klavierhocker erhob und manchmal im Stehen spielte.
Irgend etwas muss an diesem Abend doch auch negativ gewesen sein. Ja, das BLG-Forum, diese Atmosphäre ist nun wirklich alles andere als schön.
Wenn man mich fragen würde, in was für einem Konzert ich am Samstag abend war, ich könnte es nicht sagen, nicht welchem Musikgenre sich das Absolute Ensemble meistens widmet und auch nicht, was mich am meisten beeindruckt hat. Wer diese Musik nicht kennt, hat wirklich etwas verpasst.
Diesem Mann eilt der Ruf des Super-Virtuosen und Extrem-Pianisten voraus, seit er sich vor gut zehn Jahren mit technisch atemberaubenden Bearbeitungen populärer Stücke nach dem Vorbild eines Vladimir Horowitz die Bühnen der Welt eroberte. Inzwischen scheint Arcadi Volodos keine Lust mehr zu haben, dieses Klischee in jedem Konzert aufs Neue zu bestätigen. Auf seinem Programm in der Glocke standen Werke von Skrjabin, Ravel, Schumann und Liszt. Dabei präsentierte er nur bei Letzterem jene oktavdonnernde Grandioso- und Feuerwerksshow, mit der er bekannt wurde. Kaum etwas ist allerdings kniffliger zu spielen als Stücke Aleksandr Skrjabins, nur ist dessen Virtuosität weniger demonstrativ, nicht so nach außen gekehrt. Sowohl bei Liszt als auch bei Skrjabin schien Volodos nur selten an die absoluten Extreme zu gehen. Auffallend war indes die Klangfülle seines Spiels, oft erreicht über sehr lange liegendes Pedal, von dem sich Volodos’ rechter Fuß teils gar nicht mehr lösen zu wollen schien.
Eine CD des Pianisten mit Sonaten Franz Schuberts wurde von der Kritik für ihre lyrischen Qualitäten sehr gelobt. Hier wäre also der Vergleich der Ravel’schen „Valses nobles et sentimentales“ mit ihrem direkten Vorbild, Schuberts Werk gleichen Titels, interessant gewesen. Volodos präsentierte in der Glocke stattdessen Robert Schumanns stimmungsvollen Miniaturen-Zyklus „Waldszenen“. Ein bezauberndes piano, klare und sensible Führung aller Stimmen zeichneten sein Spiel aus. Erst in seiner letzten, gesanglichen Zugabe indes bot sich ihm die Gelegenheit, eine Melodie in all ihrer Schlichtheit auf die Tasten zu zaubern.
Volodos scheint heute ein Pianist zu sein, der gerne auch mal abseitige Wege geht: Von der Programmauswahl über sein in jedem Augenblick absolut kontrolliertes Spiel, das starke Rubati und Überbetonungen nicht scheut bis hin zu seiner vergleichsweise ruhigen Haltung am Klavier deutet alles darauf hin. Von super- extrem- und –show ist all das mittlerweile weit entfernt - schon Vladimir Horowitz ging einen ähnlichen Weg.
Gibt es den perfekten, den idealen, den ultimativen Klavierabend? Ja - für meine Ohren ging er gestern abend in der Bremer Glocke über die Bühne. Der Russe Arcadi Volodos gab dort ein magisches Konzert, an das man sich noch lange erinnern wird. Doch der Reihe nach.
Das Ambiente auf der Bühne der Glocke war skurril. Unter der schrill türkis, violett und blau beleuchteten Orgel steht der prächtige Steinway, davor ein gepolsterter Lehnstuhl aus Omas guter Stube. Volodos, ein massiger und behäbig wirkender Mann, nimmt Platz und beginnt mit einer Etüde von Skrjabin, die nur aus Trillern zu bestehen scheint. Schon nach wenigen Sekunden ist alle Erdenschwere vom Künstler gewichen, seine Finger fliegen und - wie es scheint - bald auch der Flügel. Volodos spielt zu Beginn einen ganzen Skrjabin-Block, der die Entwicklung dieses Komponisten unmittelbar und sinnlich erlebbar macht. Da klingt das b-moll-Prélude noch wie Chopins Trauermarsch, die siebte Klaviersonate kommt dann aber aus einer anderen Welt. Volodos versteht es wie kaum ein anderer, die manische Energie und Zerrissenheit dieser visionären Zukunftsmusik zu vermitteln. Noch im dichtesten Gewühl behält er kühlen Kopf, und man hört das Struktur bildende Motiv deutlich - mal im Bass, mal im Diskant, mal verpackt in rasende Läufe und massive Akkordketten. Welche Klangfarben hat dieser Pianist! Er spielt eben nicht nur laut und leise, sondern verfügt über eine Palette unendlich feiner Nuancen.
Dieser Eindruck verstärkt sich bei Ravels "Valses nobles et sentimentales". Neben Ravels raffinierten Klangmixturen beeindruckt Volodos hier besonders durch flexible Rhythmik. Er tanzt im Dreivierteltakt durch dieses Walzer-Kaleidoskop, weckt sentimentale Erinnerungen an die vergangenen Welten eines Schubert, Chopin und Johann Strauß. [mehr]
Auch wenn Harry Christophers, der Chef der „Sixteen“ die Expressivität seines Ensembles über absolute Reinheit stellt: Makellos ist wohl die treffende Bezeichnung! Mit 20 Sängern intoniert der Chor Monteverdis Marienvesper im Dom zu Verden so präzise, dass keine Wünsche offen bleiben. Zur Begleitung spielt das „Orchestra of the Sixteen“, ebenfalls hervorragend in seiner Besetzung mit Blockflöten, Dulcian, Zinken, Posaunen, Orgel, Harfe, Theorbe und Streichern.
Abgesehen vom vollen und tragenden Tutti-Klang sind auch die Solostimmen vorbildlich, obwohl nicht namentlich im Programm erwähnt. Besonders das Concerto „Pulchra es“, gesungen von zwei wunderschönen Sopranstimmen, ist ein klanglicher Genuss. Wenn alle sechs Sopranistinnen gemeinsam die Sonata „Sancta Maria, ora pro nobis“ anstimmen, so ist der Eindruck so homogen, dass der Gesang einer einzigen Kehle zu entströmen scheint. Auch einer der Tenöre überzeugt in zahllosen Soli vollends. Unter den Instrumentalisten sind besonders die beiden Geiger hervorzuheben, die mal lyrisch und melodisch schwärmen dürfen, mal virtuos auftrumpfen. Harry Christophers inspirierte das Ensemble, das er vor nunmehr 30 Jahren gründete, mit tänzerischem oder entschlossenem Dirigat und sorgte über ca. 100 Minuten für eine stets spannende Aufführung dieser 400-jährigen Musik.
[Autor: Jan Kampmeier]
Für das Konzert des Abdullah Ibrahim Trio, hatte sich nicht nur das Publikum in Schale geworfen, sondern auch der Große Saal der Glocke. Die Bühne war mit einem dunkelblau samtartigen Vorhang dekoriert, wovor der Flügel, Bass und Schlagzeug im Scheinwerferlicht glänzten.
Beim ersten Stück habe ich mich lange Zeit gefragt, ob es nicht zu einem späteren Zeitpunkt des Abends hätte erklingen sollen. Wundervoll ruhig und langsam war dieser erste Programmpunkt vorgetragen, jedoch hätte man den Beginn eines fast dreistündigen Konzerts vielleicht schwungvoller und feierlicher gestalten können.
Faszinierend war, mit welcher Leichtigkeit das Trio schwierige Rhythmen spielte, die oft gegeneinander verschoben waren.In zahlreichen Soli konnten die Zuhörer das Können des Einzelnen bewundern und bedankten sich durch sofortigen Applaus.Auf mich strahlte die Musik sehr viel Ruhe aus, manchmal vielleicht etwas zu viel, denn ein bisschen mehr Abwechslung im Programm hätte es für jemanden, der nicht im Jazz zuhause ist, leichter gemacht der Musik zu folgen. [mehr]
Schon nach den ersten energischen Bogenstrichen ist klar: Das französische Ensemble Le Cercle de l'Harmonie ist fantastisch und der Abend ist gerettet. Konzertante Oper! Glucks hinreißende Reformoper in der Trockenfassung, unter strenger Vermeidung jeglicher szenischer Andeutung (eine Ausnahme: der todbringende Blick von Tenor-Orphée auf Sorpanistin-Eurydice) ist eher etwas für die ganz hartgesottenen Gesangsfreunde. Aber so! Mit diesem Orchester war es auch ohne Theaterkulisse ganz großes Drama. Während des ganzen ersten Aktes habe ich mich auf den Tanz der Furien und ihr niederschmetterndes "Nein!" gefreut - und wurde auch nicht enttäuscht. Das rauschte - und jetzt muss der kongeniale Chor Les Éléments erwähnt werden - gewaltig durch den großen Saal der Glocke, gut, dass wir saßen. Klanglich bemerkenswert fand ich auch den Einsatz der furchtbar alt aussehenden Blasinstrumente und dass während des Reigens der seligen Flötengeister einem Herrn offensichtlich schlecht wurde und mit ihm eine ganze Reihe den Saal verließ, hat sicher nichts mit der Musik zu tun. In meiner Reihe sind alle nach der Pause wiedergekommen und haben sich erst nach dem letzten kernigen Ton zu standing ovations erhoben. Ein Extraapplaus für den jungen engagierten Dirigenten Jérémie Rhorer!
[Autorin: Andrea Zschunke]
Ich gestehe: Die eigentliche Sensation des Abends war für mich nicht die (gleichwohl fantastisch spielende) Geigerin Janine Jansen, sondern der Klarinettist Martin Fröst. Welche Tricks auch immer er anwenden mag – zirkuläre Atmung, beschwörende Gesten – seine Töne sind unendlich lang und unendlich leise. Das Klarinettensolo (der dritte Satz) aus Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ war ein atemberaubendes Wechselspiel zwischen Stille, der Ahnung eines Tones und seiner vielfältig-farblichen Ausdehnung. Ansonsten: Janine Jansen, seit fünf Jahren gewiefte Kammermusikveranstalterin, hat ein glückliches Händchen in der Auswahl ihrer „friends“. Selten habe ich Messiaens berührendes Quatuor derart intensiv gehört.
Auf das eingangs gespielte Klaviertrio von Dvorak mit großem sinfonischen Pomp hätte ich hingegen verzichten können. Merkwürdige Programmzusammenstellung.
[Autorin: Andrea Zschunke]
Es stand zwar nicht so im Programm, aber mit Maurice Ravel und Nikolaj Rimskij-Korsakow vereinte Jos van Immerseels „Anima Eterna“ die beiden wohl größten Farbenzauberer ihrer Zeit in einem Konzert. Glanzvolle Orchestereffekte bieten sowohl der „Bolero“ des einen als auch die Konzertouvertüre „Russische Ostern“ des anderen Komponisten. Diese Farben und Effekte sollten nun ganz neu erfahren werden, denn „Anima Eterna“ spielt die Werke, neben Gershwins „American in Paris“ und de Fallas „Nächte in spanischen Gärten“, auf historischen Instrumenten. Diese haben sich für die Aufführung alter Musik längst etabliert, und sicherlich kann man mit Recht sagen: Gut so! Für Kompositionen zwischen 1888 und 1928 ist ihre Verwendung hingegen die Ausnahme, und vielleicht muss man auch hier sagen: Gut so! Der Unterschied der Klangfarben war in der Tat deutlich, vor allem jedoch musste leider eine mangelhafte Intonation hingenommen werden.
Beispiel Rimskij-Korsakow: Hier waren Unsicherheiten in zahlreichen Soli keine Seltenheit, die barock anmutende Artikulation in der Einleitung wirkte seltsam fehl am Platze. Sehr langsam nahm Jos van Immerseel das anschließende Allegro, fast schon wirkte es verschleppt, auf jeden Fall aber rhythmisch unbeseelt (Wie auch Ravels Bolero). Viel zu starke Schlaginstrumente, Becken und Glockenspiel vor allem, wurden von Immerseel nicht zu mehr Zurückhaltung animiert.
Andererseits gingen nicht nur hier auch durchaus wichtige Stimmen unter, in Manuel de Fallas „Spanischen Gärten“ zum Beispiel über weite Strecken das Soloklavier. Das schöne Instrument von 1905 wurde bedient von Claire Chevallier. Klanglich war es vor allem einfach zu schwach, obwohl das Orchester Immerseel in nicht eben starker Besetzung spielte. Zudem war die Stimmung deutlich verschieden vor der des Ensembles, und im Zusammenspiel kam ebenfalls keine besondere Übereinstimmung zustande. [mehr]
Das f-moll Trio ist zwar nicht Dvořáks attraktivstes Werk, in dieser Darbietung aber vor allem temperamentvoll. Janine Jansen ließ ihre Geigensaiten geradezu krachen, Itamar Golan betrieb Leistungssport am Klavier, Torleif Thedéen am Cello war unter den dreien noch der ruhende Pol. Musikalisch mitreißend war der Vortrag auf jeden Fall, Janine Jansen vielleicht etwas zu dominant.
Mehr Arbeit steckte aber spürbar in Olivier Messiaens Quatuor pour la fin du temps: Ausgefeilt bis ins Detail schien das Werk, für welches das Attribut „anspruchsvoll“ noch viel zu harmlos wirkt. Hier gesellte sich der Klarinettist Martin Fröst als vierter Mann dazu – und bot im ihm allein gehörenden dritten Satz ein unglaubliches Solo. Fröst besitzt einen wirklich schönen Klang, besonders erstaunlich ist allerdings sein Vermögen, Töne langsam und sanft über die Schwelle der Unhörbarkeit zu führen und bis ins Brachiale zu steigern.
Kurz vor Beginn des Konzerts stürmten leicht abgehetzt von den anderen Veranstaltungen kommende Konzertbesucher in den Saal und suchten mit einem entschuldigenden Lächeln auf den Lippen ihre Plätze.
Anschließend betrat das MCO gut gelaunt und zügig die Bühne. Schwungvoll und charmant erklang der Beginn des ersten Satzes „Allegro con brio“, der dritten Sinfonie "Eroica" von Ludwig van Beethoven. Auffällig war die extrem facettenreiche Mimik, der Körpereinsatz, ja das gesamte Dirigat von Antonello Manacorda, der seinem Orchester höchst präzise zeigte, wie es zu spielen hat. Die Kommunikation zwischen Orchester und Dirigent verlief einwandfrei, denn das MCO folgte seinem Dirigenten sehr sensibel.
Der erste Satz nahm ein wahnsinnig aufregendes und lautes Ende und der zweite Satz mit dem Titel „Marcia Funebre“ folgte nach kurzem Husten, Räuspern und Klatschversuchen seitens des Publikums. Wie der Name des zweiten Satzes verrät ist er ein Trauermarsch und exakt diesem Charakter entsprechend spielte das MCO. Besonders schön vorgetragen waren die hervorstechenden Passagen der Celli und der Flöte. So melancholisch der zweite Satz begonnen hatte, genau so melancholisch endete er auch. Es folgte fröhlich das „Scherzo“, der dritte Satz, charakterlich das Gegenteil zum zweiten Satz. Abwechslung brachten hier die im piano gespielten Spiccatostellen der Streicher. Schade nur, dass die Einwürfe der Horngruppe etwas unsauber waren. [mehr]
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Nicht nur die Ohren, auch der Sehnerv wurde gehörig stimuliert bei der Eröffnung des Musikfestes am Samstag. Außer der Lichtinstallation auf dem Marktplatz ließen schon die Spielorte erstaunen, besonders einen Auswärtigen, der alles erstmalig erleben durfte.
Station 1: Der Rathaussaal, was für eine Kulisse. Die Accademia Bizantina mit der Sopranistin Maria Grazia Schiavo und Musik des Barock. Zu sehen gab es die raubkatzenartige Spannung in den Bewegungen des Leiters Ottavio Dantone und des Geigers Stefano Montanari, zu hören einen entsprechend energischen Zugang zur Musik. Was für einen weiten Weg hat doch die historische Aufführungspraxis seit ihren Anfängen zurückgelegt! Die Solistin tanzte bei virtuosen Koloraturen nur beinahe, ihre Stimmbänder tanzten indes in Vollendung.
Station 2: Der Dom. Völlig abgedunkelt, der schwarze Schattenriss der Sauer-Orgel, die Musiker in der Mitte – optisch ebenso eindrucksvoll. Die Musiker, das war das Collegium Vocale Gent, I Solisti del Vento und Philippe Herreweghe, geboten wurde Anton Bruckners Messe e-moll und kleinere Werke. Visuell ist Herreweghe weniger beeindruckend, steif und kantig sein Dirigat. Klanglich wirkte sich das nur insofern aus, als die Konturen geschärft schienen und der Text selbst bei viel Hall recht gut verständlich blieb. Außerdem: Lupenreine Intonation und voller Wohlklang. [mehr]
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